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Hannover – ein guter Platz zum …
Ein Abendspaziergang zu einer Party am Rübezahlplatz, ohne Stadtplan und mit leerem Handyakku – und mit Zetteln am Boden, die von eins bis zehn zählen.
Am Abend bin ich in Hannover zu einer Party eingeladen. Sören meinte, dass ich vom Hotel locker zu Fuß hingehen könnte, das wäre ein schöner Abendspaziergang, die Party sei maximal 15 bis 20 Minuten entfernt. Zehn Minuten, nachdem ich das Hotel verlassen habe, bemerke ich, dass ich den Stadtplan vergessen habe. Aber der ist doch sowieso nur etwas für Weicheier.
Die Abenddämmerung hat gerade angefangen, ich mache mich also auf, um den „Rübezahlplatz“ zu finden. Sollte ich mich wirklich verlaufen, kann ich ja mit meinem Handy anrufen.
Nach einer halben Stunde
Nach ungefähr einer halben Stunde Gehzeit bin ich noch immer nicht angekommen. Möglicherweise bin ich schon vom Weg abgekommen? Zum Glück treffe ich eine alte Frau, die ich fragen kann. Sie wohne zwar schon 40 Jahre hier, sagt sie zu mir, aber von einem Rübezahlplatz habe sie wirklich noch nie gehört. Mein Handy hat keinen Empfang, also gehe ich weiter, um einen anderen Passanten zu suchen. Fünf Minuten später treffe ich auf zwei Frauen, Mutter und Tochter, wie sich herausstellt, sie führen ihre Hunde Gassi. Die Tochter ist Mitte 30, schätze ich. Sie sagt gleich, dass sie sich hier nicht auskennt, sie wohnt erst seit fünf Jahren hier. Aber ihre Mutter, die weiß sicher Bescheid, sagt sie.
Die Mutter steht ein wenig abseits und ist schwerhörig, aber tatsächlich ortskundig. Mittlerweile ist es finster geworden. Sie erklärt mir, dass ich rund 20 Minuten vom Rübezahlplatz entfernt bin. Sie fragt mich, ob ich denn keine Angst habe, in der Nacht alleine dorthin zu gehen. Lächelnd antworte ich ihr, dass ich mich natürlich nicht fürchte. Was für eine nette Frau, die sich Sorgen um mich macht!
Ich müsse der Straße entlanggehen, dann rechts, dann links, unter der Brücke durch. Dann gebe es eine Abkürzung über den Friedhof, die ich aber lieber nicht nehmen solle. Dann noch ein paar Meter, und schon käme ich am Rübezahlplatz an.
„Bei 10 bist du tot“
Ich bedanke mich bei den beiden und gehe frohen Mutes weiter. Zirka 500 Meter weiter komme ich zu einer Kurve. Vor der Kurve liegt ein Zettel am Boden. Auf dem steht mit Filzstift geschrieben: „Bei 10 bist du tot“. Ich lächle belustigt – Hannover, die Stadt der Scherzbolde und Kannibalen. 100 Meter später liegt ein Zettel, auf dem eine große Eins steht. Weitere hundert Meter später sehe ich einen Zettel mit einer Zwei.
Das muss doch ein schlechter Scherz sein, oder? Ich zücke mein Handy und rufe bei der Party an. Sören meldet sich gleich. Ich erzähle ihm, dass ich mich verlaufen habe, dass ich aber schon in der Nähe bin. Und dass ich gerade etwas Seltsames entdeckt habe. Dann reißt das Gespräch ab, der Akku ist leer, so ein Mist!
Drei … vier … fünf … Was ist, wenn da wirklich ein Verrückter hinter dem Busch liegt und über mich herfällt? Immerhin hat die Stadt ja auch Fritz Haarmann hervorgebracht. Aber der brachte ja nur Jungen um, die maximal 20 Jahre alt waren. Ich bin ja schon 32. Warum glaube ich denn jetzt, dass da ein Haarmann auf mich lauert?
Sechs … sieben … acht … Ich könnte ja einfach umdrehen, zum Hotel zurückgehen und mir dann ein Taxi rufen. Aber ob ich jemals wieder zurückfinde? Und wenn da hinten wirklich ein Spinner lauert? In der Ferne sehe ich die Nummer 9. Da hinten müsste die Brücke sein, unter der ich durchgehen soll.
Ach was, ist sicher nur ein Lausbubenstreich, ich gehe weiter. Ich höre entfernt Kirchenglocken schlagen und sehe den Friedhof. Langsam bekomme ich es ein wenig mit der Angst zu tun. Die Straßenbeleuchtung lässt zu wünschen übrig, es ist sehr dunkel. Nummer neun. Noch eine Nummer, denke ich mir. Bei 10 bist du tot.
Ich bleibe stehen und drehe mich nach allen Seiten um. Da ist niemand, beruhige ich mich. Sicher? Ich drehe mich noch einmal um. Ich könnte ja auch zu dem Haus gehen, das ich schräg gegenüber sehe, da brennt noch Licht. Aber vielleicht sind die für diesen Scherz verantwortlich? Es ist doch ein Scherz …?
Unter der Brücke
Ich gehe weiter und komme zur Brücke, unter der ich durchgehen soll. Wo ist denn jetzt dieser verdammte zehnte Zettel? Ich suche den Boden nach der Nummer 10 ab. Kein Papier zu sehen. Als ich unter der Brücke bin, sehe ich folgendes Plakat hängen: „Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, an dem ich aufgehängt werden möchte!“
Zwei grüne Plakate setzen mit humorvollem Text einen Akzent an der verwitterten Wand.
Foto: © Georg FranzNun packt mich der Schrecken, und ich beginne, im vollen Galopp die Straße entlangzulaufen.
PENG!
Plötzlich höre ich einen lauten Knall, ich bleibe wie angewurzelt stehen, jetzt erwischt es mich, denke ich mir. Mit weit aufgerissenen Augen versuche ich herauszufinden, woher dieser Knall kam. Aber ich sehe nichts, auch keinen Rauch. Habe ich mir das eingebildet? Aber sicher nicht! Hätte ich doch ein Taxi genommen! Hätte ich doch auf die alte Frau gehört!
Ich entschließe mich, weiterzulaufen. Habe ich die Nummer 10 überhaupt schon gefunden? Die war ja gar nicht da! Bei 10 bin ich tot. Bei 10 bin ich tot! Ich renne.
ENDLICH finde ich den Rübezahlplatz! Vollkommen außer Atem komme ich zu dem Haus, in dem die Party stattfindet. Gerettet.